LITERATUR


in der Reihe GOLD! im mund

Literaturperformances

*auditionen/2kanal-hörung*


Ewald Palmetshofer (Literat), Oliver Hangl (Multimediakünstler)

Samstag, 21.4., 19:00 Uhr

Wenn du von Armut sprichst und wenn du dir deines Kontextes, der hier gewiss ein linker Kontext mit Engagement -- bitte mit Engagement -- gewesen sein wird, wenn du dir deines Kontextes bewusst bist und von Armut sprichst und mit dem Finger zeigst und die Strukturen benennst und dann auch immer irgendwie von Schuld -- culpa, culpa -- die Rede ist, dann musst du dich fragen: von wo aus machst du denn das?

Wenn es etwas gibt, das die Postmoderne als materialen Inhalt festgeschrieben hat, dann das Materiale des formalen Zwanges die eigene Position, den Ort, an dem diese Position statt hat oder von dem aus sie artikuliert wird, zu befragen. Dies ist kein Spiel der Kontexte. Damit ist keine sich ewig fortsetzende Kontextualisierung und Paritkularisierung gemeint. Damit ist auch kein inflationäres Ensemble an Identitätspolitiken gemeint. Dies ist auch nicht der ewige Aufschub des politischen Aktes. Dies ist das real Politische am Dekonstruktionismus: die Unmöglichkeit eines unschuldigen Ortes des Sprechens. Verloren der Ort, von dem aus anzuklagen wäre, ohne diese Anklage immer schon auf das eigene Sagen zurückwenden zu müssen. Es gibt diesen Ort nicht, der das Übel benennen würde, ohne selbst unter der Ökonomie dieses Übels zu stehen.

Vor diesem Hintergrund steht fest, dass kein Festival über die Armut diesen Ort der Anklage bereitstellen kann, dass vielmehr umgekehrt jedes Anklagen sich zuerst gegen den unterstellt unschuldigen Ort der Veranstaltung selbst richten muss. Dies ist kein Gestus eines verkappten christlichen (oder quasi-christlich geprägten) Masochismus. Man wird sich nicht Asche aufs Haupt zu streuen haben. Das "mea culpa" erlöst hier nicht. Und auch kein Gott einer Metaperspektive spricht hier sein "Fürchte-dich-nicht". Der Himmel ist leer und die Orte des Sagens sind korrumpiert. Die einzige Stimme ist die einer Zersetzung des eigenen Ortes. Das Prophetische kenn keine Vision mehr. Die Prophetie ist als elitärer Diskurs demaskiert. Das Visionäre als Ideologie verunmöglicht. Bleibt vielleicht nur ein Hören. Die prophetische Audition der Gegenwart. Sie ist eine Technisierte, die das gemeinsame Hören immer unter den Verdacht des "Weniger-Hörens-als-die-Konkurrenz" stellt. Darum: die Autition ist ein Kopfhörer. Das gemeinsame Hören ist die Abgeschlossenheit im Eigenen. Das gemeinsame Hören ist ein Taubsein dem gemeinsamen Hören gegenüber. Das Gemeinsame ist tot. Das Gemeinsame ist nur lokal partikulär. Das Hören ist immer schon unter die Wahl gestellt. Man sendet immer schon auf mindestens zwei Kanälen. Und den einen Ort des Sagens gibt es nicht. Die Stimme ist ein Tonband.