12.05.

12.05.
diskussion

Vortrag und Diskussion von und mit Dr. Karl Reitter

Die 68er Bewegung

Mo, 12.5., 19:30 Uhr, Forum Stadtpark, Hauptraum
Die Ereignisse von 1968 werden häufig tendenziös und unkorrekt dargestellt. Zum einen erfolgen Banalisierungen, die durch bloße assoziative Nennung bestimmter Schlagworte (Freie Liebe, Hippies, Barrikaden in Paris, Drogen…) die Bedeutung eines „welthistorischen Ereignisses“ (Immanuel Wallerstein) verkennen und es bloß als zeitgebundene Lebensstile und ästhetische Formen wahrnehmen können. Die 68er Bewegung wird so von den Moden, Entwicklungen und Milieubildungen der 50er, 60er oder 70er Jahre nicht mehr qualitativ unterscheidbar. Zum anderen vertrauen Interpretationen darauf, dass die Geschehnisse und der „Geist“ der 68er Bewegung nicht mehr gewusst und verstanden werden, um sehr spezifische und oftmals denunziatorische Auffassungen zu formulieren. So wird gegen alle Fakten etwa die Entwicklung der RAF in den Kontext der 68er Bewegung gestellt, aber auch die Behauptung tradiert, die ehemaligen 68er wären allesamt die Karriereleiter hinaufgestiegen und Teil des damals von ihnen so kritisierten Establishments geworden. In der oft sehr überheblichen und abwertenden Darstellung der 68er Bewegung spielt nicht zuletzt die Zurückweisung ihrer spezifischen Radikalität eine Rolle. 40 Jahre danach eröffnet sich nun aber die Möglichkeit, das Geschehene erneut ernsthaft und unvoreingenommen zu diskutieren.

www.grundrisse.net

www.infoladengraz.at.tt


Die 68er Bewegung – Exposee von  Dr. Karl Reitter


Vorbemerkung: Nächstes Jahr zählen wir 40 Jahre 68er Bewegung. Ausgehend von vielen bisher  vorliegenden Publikationen ist zu befürchten, dass dieses Ereignis in mehrfacher Hinsicht tendenziös und unkorrekt dargestellt wird. Zum einen droht eine Banalisierung durch Massenmedien, die durch bloße assoziative Nennung bestimmter Schlagworte (Freie Liebe, Hippies, Barrikaden in Paris, Drogen…) die Bedeutung eines welthistorischen Ereignis verkennen und es bloß als zeitgebundene Lebensstile und ästhetische Formen wahrnehmen können. Die 68er Bewegung wird so von den Moden, Ereignissen und Milieubildungen der 50er, 60er oder 70er Jahre nicht mehr qualitativ
unterscheidbar.

Zum anderen vertrauen Interpretationen darauf, dass Ereignisse und der „Geist“ der 68er Bewegung nicht mehr gewusst und verstanden werden, um sehr spezifische und oftmals denunziatorische Auffassungen zu formulieren. So wird gegen alle Fakten einerseits die Entwicklung der RAF in den Kontext der 68er Bewegung gestellt, aber auch die Behauptung tradiert, die ehemaligen 68er wären allesamt die Karriereleiter hinaufgestiegen und wären Teil des damals von ihnen so kritisierten Establishment geworden. So wird allen ernstes etwa Joschka Fischer als Alt-68 bezeichnet, obwohl er bis zur Auflösung des SDS, also während der eigentlichen 68er Phase, keinerlei Rolle gespielt hatte. In der öfters sehr überheblichen und abwertenden Darstellung der 68er Bewegung spielt nicht zuletzt die Zurückweisung der spezifischen Radikalität der 68er Bewegung eine Rolle.

40 Jahre 68er Rebellion eröffnen aber die Möglichkeit, dieses „welthistorische Ereignis“ (Immanuel Wallerstein) ernsthaft und unvoreingenommen zu diskutieren. Ich möchte in meinem Referat,  aufbauend auf meinem unfangreichen Artikel zur 68er Bewegung -
Teil 1: http://www.grundrisse.net/grundrisse03/3_68erBewegungTeil1.htm
Teil 2: http://www.grundrisse.net/grundrisse04/4_68erBewegungTeil2.htm
folgende Thesen explizieren:

1. Die 68er Bewegung entwarf ein im Prinzip bis heute bestimmendes Verständnis von individueller und gesellschaftlicher Emanzipation. Im Kern besteht es in der Identität von emanzipierendem Subjekt und zu emanzipierendem Objekt, in der Skepsis bis Ablehnung gegen Formen der Repräsentation und in der Hinterfragung des Konzepts der „Interessen“, wenn unter Interessen bloß Ausdruck der aus der aktuellen kapitalistischen Vergesellschaftung resultierenden Ansprüchen und Bedürfnissen verstanden wird. Auch wenn die 68er Bewegung an die vorhergehende Kontinuitäten des Widerstandes und der Opposition anknüpfte (sowohl in Form als auch in Inhalt) ist doch der Bruch mit der damals real existierenden Arbeiter- und Gewerkschaftsbewegung eindeutig zu konstatieren.

2. Die eigentliche 68er Bewegung zeichnete sich durch Aufbruchstimmung, Erfahrungs- und Erkenntnishunger sowie einer Beschleunigung der individuellen Biographien aus. Solange die kaleidoskopartige Durchmischung von Szenen und Haltungen gegeben war, solange die Individuen nach Ideen aber auch nach dem eigenen Selbstverständnis suchten, solange soll von der 68er
Bewegung gesprochen werden. 68 ist gekennzeichnet durch das Ineinanderfließen von politischen und kulturellen Momenten. Mit dem Einsetzen der Entmischung – für Deutschland in etwa mit der Auflösung des SDS anzusetzen – endet die Phase der 68er Bewegung im eigentlichen Sinn.

3. Die 68er Bewegung zeichnete sich durch eine spezifische, historisch nicht wiederholbare Stimmung aus, die in etwa so zu charakterisieren ist: Das Gefühl oder das Bewusstsein, ein Fenster würde sich öffnen und weltweit den Blick oder gar den Durchstieg zu einer neuen Gesellschaft ermöglichen. In
dieser Haltung verknüpfte sich Verachtung und antiautoritäre Ablehnung des Establishments (allein die Explikation dieses Ausdrucks ermöglicht einige Einsichten in die Bewegung), rührende Naivität, spielerischer Umgang mit Möglichkeiten aber auch tiefe Ernsthaftigkeit und Gläubigkeit gegenüber den Symbolen der Befreiung.

4. Die 68er Bewegung entfaltete eine spezifische Praxis, die in den Bereichen politische  Aktionsformen, Reisen und Drogen, Bücher und Publizistik, Wohnen und Lebensformen, Sexualität und Erziehung sowie Musik dargestellt werden soll. (Siehe dazu Teil 1 des Artikels)

5. Schlussendlich soll gezeigt werden, dass die Ausdrücke „Studentenbewegung“ sowie „Jugendbewegung“ letztlich auch den sozialen Träger der 68er Bewegung nicht wirklich fassen können. Dabei ist vor allem auf den unterschiedlichen Rhythmus und den verschiedenen Verlauf der 68er Bewegung in den verschiedenen Ländern einzugehen. (Siehe dazu Teil 2 des Artikels)










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DEMNÄCHST: 30.08.

Diskussion im Rahmen der Ausstellung in Kooperation mit der Steirischen Kulturinitiative
Varietäten I/II/III Gespräche über partizipativen Wohnbau
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