Lesung & Gespräch mit Mirnes Sokolović und Tomislav Marković
Moderation: Silvia Stecher
Einleitung: Julia Knaß, Paul Klingenberg
Wie lässt sich dichten, wenn die Sprache zerrüttet und korrumpiert, das Grauen unaussprechlich ist, Intellektualität die Barbarei nicht nur nicht verhindert, sondern befördert hat und die Realität die Angriffe der Avantgarden auf die Dichtkunst eingeholt hat? Dreißig Jahre nach dem Genozid an den Bosniak:innen stellt der Literaturkritiker Mirnes Sokolović in seinem bei Klingenberg in deutscher Übersetzung erschienenen Essay „Kann es nach Srebrenica noch Poesie geben?“ erneut die Frage nach den ethisch-ästhetischen Zusammenhängen literarischen Schreibens – im Anschluss an Adornos Diktum „nach Auschwitz ein Gedicht zu schreiben, ist barbarisch“ und Danilo Kišs Poet(h)ik. Ergänzt wird der Essay um Textbeispiele aus der jugoslawischen und postjugoslawischen Literaturgeschichte, darunter Gedichte von Tomislav Marković.
In Kurzlesungen und einem Gespräch mit Silvia Stecher, die den Band gemeinsam mit Dijana Simić herausgegeben und übersetzt hat, geben Mirnes Sokolović und Tomislav Marković Einblicke in Tendenzen und Gegentendenzen der bosnischen/kroatischen/montenegrinischen/serbischen Poesie und deren poetologische Positionen im gesamteuropäischen (post)genozidalen Kontext – der sich mitunter in Graz verdichtet.
geboren 1986, Autor und Literaturkritiker. Studium der Literaturwissenschaft in Sarajevo und Graz. Arbeitete als Kulturredakteur beim Online‐Portal e‑novine (Belgrad) und der Zeitung Oslobođenje (Sarajevo), Mitbegründer des Literaturmagazins (sic!). Eine Romanpublikation, Rastrojstvo (Störung, 2013), und zwei Essaysammlungen: Izokrenuti durbin (Umgedrehtes Fernrohr, 2020) und Kraj avanture (Ende der Abenteuergeschichte, 2021). 2023 Fellow am Wiener Wiesenthal Institut für Holocaust‐Studien, 2024 IHAG Writer in Residence der Stadt Graz.
geboren 1976, lebt und arbeitet in Belgrad, schreibt Lyrik, Prosa, Satirisches und Publizistisches. Stellvertretender Leiter des Portals e-novine bis zu dessen Einstellung 2016, Mitbegründer des „Kulturpropaganda-Kollektivs“ Beton (2006–2013). Zu seinen Buchpublikationen zählen Vreme smrti i razonode (Zeit des Todes und der Kurzweil, 2009), die Gedichtbände Čovek zeva posle rata (Der Mensch gähnt nach dem Krieg, 2014), Napred u zlo (Vorwärts ins Böse, 2017) und die Satiresammlung Velika Srbija za male ljude (Ein großes Serbien für kleine Menschen, 2018). Texte von ihm wurden ins Deutsche, Englische, Ungarische, Polnische, Italienische, Französische, Slowenische und Albanische übersetzt.
Mirnes Sokolović: Kann es nach Srebrenica noch Poesie geben? Herausgegeben und aus dem Bosnischen übersetzt von Silvia Stecher und Dijana Simić (Klingenberg, Graz 2025)
Das Buch entstand mit Unterstützung des Zukunftsfonds der Republik Österreich und der Kulturvermittlung Steiermark
Text (deutsch)
klingenbergverlag.at/shop/mirnes-sokolovic-kann-es-nach-srebrenica-noch-poesie-geben
Text (bosnisch)
sic.ba/wp-content/uploads/2020/06/Izokrenuti-durbin.pdf